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Wir benutzen unsere Sprache, ohne uns der Bedeutung der Worte bewusst zu sein!

Bereits als Kind habe ich die Geschichten von Till Eulenspiegel geliebt, der bildliche Redewendungen stets wortwörtlich nahm und seinen Mitmenschen damit einen Streich spielte. In Wikipedia heißt es: „Eulenspiegel ist nicht als ausgewiesener Narr herumgezogen; tatsächlich war er seinen Mitmenschen an Geisteskraft, Durchblick und Witz überlegen. (…) Er verwendete das Wörtlichnehmen als ein Mittel, die Unzulänglichkeiten seiner Mitmenschen bloßzustellen und seinem Ärger über Missstände seiner Zeit Luft zu machen.“

Worte haben Wirkung
Sprache hat mich immer fasziniert. Sprache ist Philosophie, ist Psychologie, ist Kunst, ist Dada, ist Poetry. Sie steht vor allem Handeln, und sie wird genutzt, um zum Handeln zu bewegen, das Handeln zu beeinflussen. Als Texterin habe ich großen Respekt vor der Sprache. Denn die Worte, die wir benutzen, haben mehr Wirkung, mehr Bedeutung und enthalten mehr Wahrheit als wir es tatsächlich wahrhaben wollen.

Es gibt einen Text aus dem Talmud, ein bedeutendes Schriftwerk des Judentums, der es auf den Punkt bringt:

Achte auf deine Gedanken, denn sie werden zu Worten.
Achte auf deine Worte, denn sie werden zu Handlungen.
Achte auf Handlungen, denn sie werden zu Gewohnheiten.
Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden zu deinem Charakter.
Achte auf deinen Charakter, denn wer wird dein Schicksal.

Kunden binden klingt nach „gefangen nehmen“
Das gesprochene oder geschriebene Wort steht am Anfang all dessen, was in Handlung mündet. Daher sollten meiner Meinung nach, insbesondere die Menschen, die beratend auf andere einwirken, z. B. als Coach, als Personalentwickler, als Kundenberater, sich zunächst einmal mit ihrer Sprache beschäftigen. Auch mit der Sprache in ihrer werblichen Selbstdarstellung. Wie präsentiere ich mich – auf meinen Webseiten, in meinen Werbeanschreiben, den Broschüren? Da wird von Werten und von Nachhaltigkeit gesprochen, von Mitarbeiter- oder Kundenorientierung, und gleichzeitig will man „die Bindung von Arbeitskräften“ oder die „Kundenbindung“ herbeiführen.

Wer sich gebunden fühlt, ist nicht frei, oder?
Anders ist es, wenn das Unternehmen es hinbekommt, nicht seinen Kunden zu binden, sondern in ihm das Gefühl der Verbundenheit hervorzurufen. Das ist für mich echte Kundenorientierung. So auch bei den Unternehmen. Was taugt ein Prozessberater, der damit wirbt, Arbeitskräfte an das Unternehmen zu binden? Wen hat dieser Bera ter im Blick? Aus welcher Perspektive handelt er? Wäre es nicht viel sinnvoller, als Berater den Unternehmer für eine Haltung zu begeistern, die die Perspektive des Arbeitnehmers einnimmt und somit nach Lösungen sucht, in diesem das Gefühl zu erzeugen, dass er sich mit dem Unternehmen verbunden fühlt? Für mich klingt das sinnvoller, weil es nach Freiheit klingt. Nicht nach Manipulation, sondern nach freier Entscheidung. Ich habe als Kunde, ich habe als Arbeitnehmer die Wahl.

Ich plädiere dafür und übe mich selbst darin, den eigenen Worten mehr Bedeutung zu geben, … ihnen mehr Aufmerksamkeit zu schenken (auch, um sich selbst auf die Schliche zu kommen). Denn so wie es der Text aus dem Talmud wunderbar auf den Punkt bringt, beginnt alles bereits mit den eigenen Gedanken, mit der eigenen Haltung.

Hinhören, auf die eigenen Worte hören,
aufmerksam lesen, was man selbst oder andere schreiben und verkaufen wollen; sich nicht blenden lassen von Phrasen, Kunstworten und Trendbegriffen, jeden beim Wort nehmen und sich auch mal trauen, den anderen darauf aufmerksam zu machen, wie seine Worte bei einem selbst ankommen, auch wenn dieser das alles nicht für „kriegsentscheidend“ hält oder aus Zeitgründen den Gesprächspartner nun besser „abwürgen“ möchte. „Ach, das habe ich doch nicht so gemeint!“ Wenn ich etwas so nicht meine, warum sage ich es nicht so, wie ich es meine? Insbesondere dann, wenn ich doch in dieser Sprache, unserer so schönen deutschen Sprache der Dichter und Denker, zuhause bin?

Experimentieren und ausprobieren
Während ich dies schreibe, fallen mir so viele weitere Aspekte zu dem Thema ein. Es wird mir bewusst, wie tief mich das Thema Kommunikation und Sprache bewegt und seit langer Zeit begleitet. Dabei war mir das geschriebene Wort schon immer der näher als das Gesprochene. Ich bin und bleibe selbst eine Übende. Ich nehme wahr, probiere aus, experimentiere und erfreue mich an dem, was mir der Umgang mit Sprache bietet und was ich selbst dabei lerne.